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Sir Richard Manningham

Die Titelseite einer modernen Reproduktion der Abhandlung über "Febricula" von Sir Manningham aus dem Jahr 1746.


Im frühen 18ten Jahrhundert wurden in England, Irland und Schottland mehrere Ausbrüche von verschiedenen, fiebrigen Zuständen registriert. Der damalige Wissens- und Dokumentationsstand erlaubte keine klare Unterteilung zwischen diversen, möglichen Ursachen, aufgrund deren Anhäufung sprach man aber zunehmend und zusammenfassend über «Febricula», auch bekannt als das kleine / nervöse / hysterische oder enterische Fieber. Es handelte sich dabei um auffällig Britisches Phänomen, da die anderen Länder keine derartigen Probleme zu dieser Zeit berichteten. [1] So sprachen einige über die «Englische Erkrankung» oder die «Britischen Schweissausbrüchen» («English Malady», «British Sweats»). Zu weiteren, hin und wieder erwähnten, Britischen Besonderheiten gehörten auch «das Strother’sche Fieber» und «das purpurne Fieber», bei welchen es zu wiederkehrenden Gelbsuchtanfällen und/oder blau-roten Hautflecken kam. [2] 

 

DIE FEBRICULA

Die ersten, wirklich detaillierteren und systematischen Beschreibungen des «kleinen Fiebers» wurden im Jahr 1746 durch Sir Richard Manningham aus London, England, geliefert.[3]  In seiner Abhandlung, findet man erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem, was wir heute als ME/CFS-Klassiker bezeichnen könnten: «(…) Zuerst fühlen sich die Patienten träge, unruhig, mit wandernden Schmerzen, Trockenheit der Lippen und der Zunge, jedoch ohne Durst; innerhalb ein bis zwei Tagen finden sie sich schwindlig, entmutig und ängstlich ohne einen Grund vor, und scheiden hellen Urin aus. Sie werden von Kälte, unregelmässigem Puls und manchmal auch klebrigem Schweiss und Rachenauftreibungen heimgesucht. Später entwickeln sich weitere Symptome, welche die der >malarischen< Krankheit ähneln. Manchmal sieht es einer Lungenfelentzündung änhlich. Es kann zu Attacken von Atemnot, Übelkeit und Blutungen kommen. Menstruelle Blutungen geraten bei Frauen durcheinander. Es kommt zu kurzfristigen Perioden der Gedächtnisschwäche und Delirien. Die Erkrankung ist sehr schwierig zu behandeln und dauert 30 bis 40 Tage, ausser es mündet in dauerhaften Stupor oder Synkope.  Eine Form von Manie folgt als nächste Konsequenz, wenn die Erkrankung vernachlässigt oder schlecht behandelt wurde. Diese Form des Wahnsinns kommt heutzutage auch ausserordentlich oft vor. Alle >Menschen< sind anfällig, aber vor Allem die bereits Krankhaften, Delikaten, Gebrechlichen und die Hochbetagten. Die fatalsten Verläufe fanden bei den reichsten Familien dieser grossen Metropole statt». Die «Febricula» wurde auch explizit beschrieben als besonders häufig auftretend nach dem Gebären. 

Diese von der ME/CFS-Community oft hervorgehobene Pionierarbeit ist insofern faszinierend, dass Sir Manningham als Erster erkannte, dass es zu einem dauerhaften, unheilbaren, stuporösem «Wahnsinn» kommt, wenn die Erkrankung nicht richtig erkannt und behandelt wird – die Betroffenen würden ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch vor sich hinvegetieren. Die richtige Behandlung, gemäss Manningham, war auch unüblich. Er riet explizit von jeglichen Purgativa oder Aderlassversuchen ab. Er bezeichnete diese Massnahmen als widrig gegenüber der Natur der «Febricula» und betonte die potentiellen, negativen Auswirkungen von zusätzlich abschwächenden Massnahmen (Verschlechterung bis hin zum Tod). Er bevorzugte Verabreichung von entzündungshemmenden Substanzen wie Walrat («Spermaceti»), Riechsalz («volatile salts») und «Lapis Contrayerv.», sowie widmete ganze Passagen der gezielten Ruhekur in der Akutphase – dies wurde anhand der klassischen Fällen nach der Geburt eines Kindes beschreiben - so liest man: «(…) sie raten immer noch vehement zum zu schnellen Aufstehen, versprechen hiermit rasche Kraftzunahme. Diese gefährliche Hektik, ganz im Gegenteil, verstärkt das Leiden immer (…) wir sollten die (Frauen) konstant im Bett behalten, über einen Zeitraum von 10 bis 12 Tagen nach Anstrengung (Geburt), gefolgt von der richtigen Behandlung der ‘Febricula’» [4].  Zugegeben, es könnte sich in dieser Hinsicht um ein bekanntes Phänomen des Kindbett- oder Wochenbettfiebers gehandelt haben, welches auch unter «Febricula» gefasst worden war. Sir Manningham wendete diese Praxis aber auch bei nicht Geburt assoziierten Fällen an. 

 

 

QUELLEN: 

 

[1] “A History of Epidemics in Britain. Volume 2.”
Charles Creighton.
Cambridge University Press.

[2] “The Tragedy of Childbed Fever”
Irvine Loudo
Published by Oxford in 2000

[3] “The symptoms, causes, and cure of the febricula: commonly called the nervous or hysteric fever”
Sir Richard Manningham
London, printed for T. Osborne 1746

[4] “The symptoms, causes, and cure of the febricula: commonly called the nervous or hysteric fever”
Sir Richard Manningham
London, printed for T. Osborne 1746

Bildquelle: 
www.amazon.com 

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