Skip to the content

Dr. Thomas Sydenham

Dr. Thomas Sydenham - von Mary Beale (1689)



Der Britische Arzt aus London, Thomas Sydenham, ist in der Medizin v.A. bekannt angesichts seiner Erstbeschreibung der postinfektiösen Epilepsie («Chorea Sydenham» bzw. «Chorea sanctii Vitii»). Tatsächlich, partizipierte er aber in einer ganzen Reihe von klinischen Entdeckungen. Er beschrieb u.A. Podagra (Gicht), fiebrige Infekte, «Chlorosis» (Blutarmut infolge Eisenmangels), Behandlungen der Malaria mit Chinin, Kühlungskur bei Pocken sowie Einsatz von Opium zur Schmerzreduktion. Er erhielt somit öfters den Spitznamen des «Britischen Hippocrates».

 

MOTHER'S FITS

Hysterie, auch bekannt als «Mutter-Aufruhr» («mother’s fits») gehörte nicht nur auch zum Repertoire Sydenham's, sie war auch ein Teilthema seiner Dissertation. Hier lesen wir: «(…) Frauen, ausser denjenigen welche ein schweres und robustes Leben führen, sind selten von ihr frei (Hysterie); diejenigen Männer, welche sesshaftes oder studienreiches Leben führen werden zu Opfern des gleichen Leidens; in ihrem Fall wird es in der Tat ‘Hypochondria’ genannt, aber diese Krankheit ähnelt der Hysterie wie ein Ei dem anderen. Männer werden seltener von ihr heimgesucht, da sie von robusterer Körpergewohnheit sind. Es ähnelt nahezu allen Erkrankungen, für welche ein Sterblicher anfällig werden kann, da wo auch immer sie sich einnistet, produziert sie die entsprechenden Symptome. Ist der Arzt nicht versiert genug, wird er sich irren und denken, dass die Symptome von einem essentiellen Leiden des betroffenen Anteils kommen, und nicht von der hysterischen Erkrankung[1]

 

VERWECHSLUNGEN MIT ANDEREN LEIDEN

In seinen Werken beschreibt Sydenham ziemlich ausführlich, wie jegliches erdenkbares Leiden durch Hysterie simuliert wird, vor allem auf dem neurologischen Gebiet: Apoplexie (Schlaganfall), Hemiplegie (Halbseitenlähmung), Konvulsionen, Episoden an Atemnot, Aggressionsausbrüche mit/ohne Wort-Wirrwarr, Spasmen («Clavus hystericus»), Herzrhythmusstörungen und Bauchschmerzen mit/ohne Erbrechen, welche oft mit Gelbsucht einhergehen. Es wurden auch weitere Komplikationen erwähnt – Nierensteine, Magen-Darm- und Blasenprobleme, sowie morgendliche Schwellungen («Ödeme») der Beine und des Gesichtes. Er widmet sich auch weiteren Charakteristika zu: «Die Kranken werden unterdrückt von furchtbarem Pein, Zweifel an Erholung und Niedergeschlagenheit der Seele. Eine gewisse Desperation gehört dazu (…). Es ist auch allen bekannt, dass hysterische Frauen manchmal exzessiv lachen und manchmal weinen ohne Grund für beides… Unter allen Symptomen, welche diese Erkrankung begleiten, das Richtigste und das nahezu Untrennbare, ist das Auftreten von Urin klar wie Gebirgswasser, und die hysterischen Frauen lassen auch das Wasser oft… ein pathognomonisches Zeichen dieser Erkrankung (…)». [2] 

 

POSTULIERTE URSACHEN UND THERAPIEN

Als ursächlich für die Erkrankung sah er die «ataxia of animal spirits» («Unruhe der tierischen Geister»), welche im Körper herumwühlten, diverse Organe angreifen und das menstruale Blut vergiften. Als Therapie praktizierte er den Aderlass mit nachfolgender Reinigung über drei bis vier Tage durch forciertes Erbrechen und Abführmittel. Zur Unterstützung verabreichte er «Anti-Hystericks»: Wermutkraut-Extrakte, Rizinus- und Weinraute-Pillen, Chalybeat (eisenhaltiges Wasser) und Laudanum (Opiumtinktur). Er befürwortete dabei auch die Rekreation in Form von Pferdereiten. [3]

 

Insgesamt gebärte das 17te Jahrundert viele ähnliche Schreiben - z.B. die von Thomas Willis (1621 – 1675) [4] oder George Cheyne (1671 – 1743) [5], und derartige Inhalte wurden auch zur Leitlinie in Diagnose und Therapie der Hysterie in den nachfolgenden Jahrzehnten. Mit entsprechenden Behandlungsmassnahmen wären aber die ME/CFSler von heute überhaupt nicht einverstanden – aus gutem Grund, da forcierte Reinigung und Dekonditionierung sie eher weiter abschwächt.

Obwohl die oben erwähnten Autoren von einem doch körperlichen Leiden ausgingen, entwickelte sich zufolge solchen Texten eine zunehmende Überzeugung, dass Hysterie keine «echte» Erkrankung sei, sondern eher eine Art tückisches Chamäleons, welcher den Arzt bei seiner Arbeit nur täuscht.

Eine gewaltige Rolle in dieser Entwicklung kann dem vermehrten Auftreten der «Hysterie» unter Frauen zugeschrieben werden – weibliche Leiden wurden leider seit Anbeginn der Zeit tendenziell weniger ernst oder als viel mysteriöser wahrgenommen. Dass derartige Problematik und Einstellungen bei ME/CFS auch heutzutage bestehen, können sowohl die Experten als auch die Betroffenen nur bestätigen.  

 

 

QUELLEN: 

[1] “Dissertatio epistolaris ad spectatissimum doctissimumque virum Gulielmum Cole, MD, de observationibus nuperis circa curationem varilarium confluentium, nec non de affectione hysterica. Londaviae: Typis Theodorii Hechtii.”
John Sydenham.
Published 1681.

[2] “The Whole Works of that Excellent Practical Physician, Dr. Thomas Sydenham (…)”
Collected and corrected by John Pechey MD
Printed for M. Wellington in 1742.

[3] “Sydenham on Hysteria”
John M.S. Pearce
European Neurology, Published online September 23 2016; 76: 175 - 181

[4] “The English Malardy: or , a Treatise of Nervous Diseases of All Kinds, as Spleen, Vapours, Lowness of Spirits, Hypochondriacal, and Hysterical Distempres, Etc”
George Cheyne
London and Bath: Gr. Strahan and J. Leake, Published in 1733

[5] Dr. Willis's practice of physick being the whole works of that renowned and famous physician wherein most of the diseases belonging to the body of man are treated of, with excellent methods and receipts for the cure of the same: fitted to the meanest capacity by an index for the explaining of all the hard and unusual words and terms of art derived from the Greek, Latine, or other languages for the benefit of the English reader: with forty copper plates.”
Thomas Willis and Samuel Pordage
Printed for T. Dring, C. Harper and J. Leight in 1684

Bildquelle:
www.wikipedia.ch 

HAFTUNGSERKLÄRUNG

Der Verein ME/CFS Schweiz sieht sich primär als gemeinnützige Vereinigung von ME/CFS-Betroffenen und -Interessierten sowie fungiert als Informationsquelle zu der Erkrankung "myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome" (ME/CFS, ICD-10: G93.3).

Der Verein übernimmt keine Haftung für das individuelle Einsetzen der von uns angebotenen Informationen und ersetzt keinesfalls die geschulten Spezialisten aus dem Gesundheits-, Rechts- oder Sozialwesen. Unsere Organisation bietet auch keine individuellen, medizinischen Beratungen oder Zuweisungen an.