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Dr. Edwin Holmes van Deusen

Dr. Edwin Holmes van Duesen - Autor des Bildnis und Zeitpunkt der Enstehung unbekannt.


In seinem ersten Artikel über «nervöse Prostration» verpflichtete sich Dr. Van Deusen zu einer weiteren Publikation, u.A. mit einer Auflistung der wirksamen Therapien und seinen gesammelten Fallbeschreibungen.  Zu dieser Publikation schien es leider nie gekommen zu sein.

Trotzdem, bleiben seine Bemerkungen erstaunlich akkurat, und viele ME/CFSler würden sich darin noch heute wiedererkennen. Vor allem sein Behandlungsansatz entspricht auch den heute durch die Advokaten empfohlenen Massnahmen (Frühintervention mit Ausruhen, Verstärkung der metabolischen Schwachstellen, Vermeidung der unnötigen Anstrengungen, psychosoziale Unterstützung). Auch die heutige Einsicht, dass man bei fortgeschrittenen ME/CFS-Formen die Progression eigentlich nur abbremsen und somit auf die eigentliche Heilung nicht mehr zielen kann, ist ähnlich.  


Im Jahr 1869 veröffentlichte E. H. Van Deusen aus dem Kalamazoo Asylum in Michigan (USA) einen Artikel über «nervöse Prostration», welche er auch alternativ mit dem schon damals älteren Namen «Neurasthenie» bezeichnete. Er schrieb: «Unsere Beobachtungen führten uns zu dem Gedanken, dass es ein Leiden des Nervensystems gibt, vom beschriebenen, essentiellen Charakter, derer Entwicklung und Progression so uniform ist, dass man zurecht von einer separaten Krankheit ausgehen kann. Obwohl, in einigen Fällen und im Bezug auf Symptome der >malarischen< Krankheit ähnlich, der Unterschied zwischen den beiden Zuständen ist ausgeprägt und leicht erkennbar». [1]

 

MANIFESTATIONEN UND VERLAUF

In dem obigen Artikel werden zwar Beobachtungen mit Vermutungen verflochten, gemäss der gängigen, medizinischen Methodik des 19ten Jahrhunderts, die meisten ME/CFSler wären aber erstaunt über die Detailliertheit der Beschreibungen Van Deusens. Als Hauptursache bezeichnete der Author exzessive, mentale Arbeit insbesondere in Verbindung mit Ängstlichkeit und Unterernährung, postulierte aber, dass man durch Zurückverfolgung der Patientengeschichten zu unterdrückten Emotionen, Trauer, häuslichem Stress, prolongierter Unruhe, finanziellen Nöten und Scham kommt. Als weitere, mögliche Auslöser bezeichnete er diverse Blutungen (Haemorrhagien), Aufenthalte in Gebieten mit Malaria sowie deprimierende Lebensumstände und Schlaflosigkeit. Er postulierte vorwiegend eine bleibende Abschwächung des Nervensystems durch prolongierte Überbelastung. So war das Erkrankungsbild v.a. anzutreffen bei Personen, welche in Malariagebieten verweilten, körperlich/psychisch anspruchsvolle Aufgaben hielten (z.B. landwirtschaftliche Arbeit) oder ein neues Leben anfangen mussten (klassisch: Einzug einer Frau zu ihrem Ehemann oder ein Umzug in ein ganz neues Gebiet). Die Erkrankung bezeichnete er als eindeutig progressiv und ohne Anzeichen einer Hypochondrie. Nach initialer Phase, meist mit allgemeiner Schwäche, verminderter Nahrungsaufnahme, Schweissausbrüchen, Schlaflosigkeit, Schwindel und vermehrter Produktion eines helleren Urins, schritt sie unerbittlich voran (dies deckte sich erstaunlich gut mit den Beschreibungen von Sir Manningham!). Zu allgemeinem Unwohlsein (Malaise) gesellte sich eine reduzierte Stimmung, Verlust des Muskeltonus, Nervenschmerzen (Neuralgien) und Blutarmut des Gehirnes (zerebrale Anämie), welche zu Überempfindlichkeit (Hyperästhesie), Irritabilität, Melancholie und Manie führten. Er erwähnte dabei auch zahlreiche Begleitsymptome, wie z.B. Kopfschmerzen, Vertrauensverlust an Menschen, absolute Alkoholunverträglichkeit, Magenverstimmung oder Schleimbeimengungen im Stuhl. In den finalen Phasen der Krankheit kam es zu weitgehender Bettlägerigkeit mit Regungslosigkeit (Stupor) und abscheulichem Geruch des Körpers und dessen Absonderungen.  Bei einzelnen, tödlichen Verläufen sei der Tod durch Erschöpfung oder infolge eines Komas erfolgt – es seien dann extensive Ergusse unter der Spinngewebshaut beobachtet worden (subarchnoidale Effusionen).

 

THERAPIEVORSCHLÄGE

Van Deusen betonte die absolute Notwendigkeit der Früherkennung der Neurasthenie, da frühe Intervention die besten Resultate erzielte. Er empfiehl initiale Schonung mit Wiederherstellung der gesunden Lebensweise und moralischer Unterstützung, welche gerade in der frühen Phase oft bereits ausreichte. Besonders gepriesen hat er leichtgradige, körperliche Betätigungen (d.h. mit Vermeidung des Erschöpfungsgefühls) sowie diverse «rekreative Beschäftigungen» zwecks Ablenkung von der Invalidität. Er beschrieb auch einige Methoden der damaligen, unterstützenden Symptomkontrolle (Karbonwasser und verdünnter Champagner für den Magen, Schwammbäder für die Durchblutung, Morphium für Schmerzen, Entspannungsübungen vor dem Schlafen, Erlauben des Durchschlafens über die Morgenzeit hinaus, abkühlende oder erwärmende Massnahmen bei wechselhafter Wahrnehmung der Temperatur, Nerventonika und Kräutermischungen, tiefdosiertes Strychnin und Arsen). In der frühen Phase sah er wohl eine Heilungsmöglichkeit, in den nachfolgenden Phasen sprach er aber nur noch von ev. Aufhalten der Progression. Im Gegensatz zu vielen seiner früheren und späteren Kollegen, erschien Van Deusen auch nicht sexistisch veranlagt zu sein – er erwähnte nur die vermehrte Anfälligkeit der Frauen für «nervöse Prostation», schrieb sie aber einem etwas anderen Stressprofil zu.  

 

 

QUELLEN: 

 

[1] «Observations on a form of nervous prostration, (neurasthenia), culminating in insanity”
E.H. Van Deusen
American Journals of Insanity, Published 25 April 1869; 25 (4): 445 – 461

 

Bildquelle:
www.kpl.gov 

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