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1910 - 1930 : "shell shock" als Konzept für Kriegstrauma

Kriegsphoto in der Nähe von Ypres, Belgien - Autor unbekannt (1917)


Die absolut tragischen Auswirkungen des Ersten Weltkrieges zur Seite gelegt, die Forschungsarbeiten um «shell schock» und verwandten Problemen brachten einige, neue Erkenntnisse zum Vorschein. Eine Tendenz war besonders klar:  je mehr traumatische Erlebnisse eine Person erlitten hat, desto eher entwickelte sie auch unterschiedliche, im Alltag störende Symptome. Die absoluten Klassiker waren innere Unruhe / Nervosität, Alpträume, Flashbacks (intrusive und situativ zuordenbare Erinnerungen), Schlaflosigkeit, diverse Schmerzzustände, allgemeine Energielosigkeit. Es kam aber auch vermehrt zu neurologischen und weiteren Ausfällen. Es handelte sich auch in den meisten Fällen um kostengenerierende, dauerhafte Invaliditäten. So wurden zahlreiche Personen, Gruppen und Institute damit beauftragt, schnelle, kostengünstige und wirksame Behandlungs-Verfahren zu entwickeln. So kann «shell shock» symbolisch als Grossmutter des Begriffes der posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD) angesehen werden und erlebte sogar ein kurzes Revival im Zweiten Weltkrieg. Die daraus entwickelten Ideen finden wir heute noch in verschiedenen Ansätzen.

Im Bezug auf ME/CFS spielen Traumata auch nach heutigen Ansichten eine der zentralen Rollen. Nicht nur entwickelt sich ME/CFS infolge von diversen einzelnen oder multiplen Traumata (klassisch: prolongierte, körperlich-seelische Überbelastung und/oder Infektionen), die Erkrankung an sich ist auch hochtraumatisierend. Die meisten Betroffenen würden hier auch spontan zustimmen, dass die Erkrankung sie nicht wirklich aus heiterem Himmel überfallen hat und auch nicht ohne psychologische und körperliche Langzeit-Wirkungen auskommt. 

Infolge des Ersten Weltkrieges, deren Ausmass bis dahin von keinem anderen Kampf erreicht worden ist, wandte man mehr Aufmerksamkeit den kurz- und langfristigen Kriegsschaden zu.  Bei sich anhäufenden Fällen diverser Kriegstraumata wurde hier auch eine Plethora an Namen verwendet, darunter: «shell shock» («Patronenschock»), «bullet wind» («Kugelwind»), «battle fatigue» («Kampfermüdung»), «soldier’s heart» («Soldatenherz»), «operational exhaustion» («operative Ermüdung») oder «Zittersyndrom». Die wissenschaftliche und künstlerische Freiheit war noch ziemlich gross – die obigen Begriffe hatten genauso viele Bedeutungen, wie Erfinder, Anwendungsgebiete und Manifestationen und beinhalteten somit ein ganzes Spektrum: von leichtgradigen, direkten, körperlichen Verletzungen bis hin zu schwergradigen, pathopsychologischen und pathophysiologischen Langzeitwirkungen.

 

DR. CHARLES SAMUEL MYERS

Am 13.02.1915 erschien in «The Lancet» ein kurzer Artikel von Dr. Charles Samuel Myers, in welchem 3 unterschiedliche Kriegsopfer vorgestellt wurden mit ähnlichen, partiellen, neurologischen Ausfällen – des Gedächtnisses, der Sicht, des Gehörs und des Geschmackes. Als ursächlich betrachtete der Author in jedem Fall den Effekt der explodierten Patronenschalen («ammunition shells»). Dr. Myers postulierte vorwiegend die Beteiligung der Knalle bei der Leidensentstehung sowie vermerkte die Ähnlichkeit zur Hysterie, er hat sich aber von weiteren Bemerkungen zurückgehalten («Kommentare zu diesen Fällen scheinen überflüssig»). [1] Dieser Artikel wird häufig als historischer Einzug des Terminus «shell shock» in die medizinische Fachwelt bezeichnet. Fortan, haben sich zahlreiche Fachkräfte mit dem Phänomen beschäftigt – öfters in Zusammenarbeit mit den Armeen und den Regierungen. Letzteres trug eine bittere Note in sich: diverse Entwicklungen hatten hier vor Allem eins im Visier - das Behalten der Soldaten auf der Front um jeden Kosten.

 

HANDHABUNG IM MILITÄR

So veröffentlichten die Britischen Behörden bereits im 1922 den «Report of War Office Committee of Enquiry into ‘Shell-Shock’».  Auf 215 Seiten waren hier zahlreiche Bezüge, Interpretationen und Empfehlungen zu finden.  Gemäss diesem Werk, sollten die Soldaten den Verlust an Kontrolle der Nerven oder des Geistes als keinen ehrenhaften Grund dafür ansehen, von der Front zu fliehen. Ernstere Fälle sollten möglichst rasch und loko-regional behandelt werden, um in die baldige Rückkehr in den Kampf zu ermöglichen – es wurde z.B. explizit davon abgeraten, die neurologischen oder psychologischen Diagnosen als «Etiketten» anzuwenden, damit die Idee eines Nervenzusammenbruches in den Patienten nicht fixiert wird. Es wurde empfohlen, die Soldaten in separaten Abteilungen zu behandeln als die restliche Bevölkerung – so wären die Kriegsgeheimnisse besser geschützt und die Soldaten weniger von anderen Einsichten beeinflusst. Eine Repatriierung von der Front war nur bei voraussichtlicher Dienstuntauglichkeit gerechtfertigt. Im Bezug auf Therapie, wurden Erholung und Kurzmassnahmen bevorzugt (z.B.: Erklärung, Überzeugung, Empathie der Ärzte, Baden, Elektrotherapie, Massage). Hypnose und Freud’sche Psychoanalyse wurden verpönt. [2]     

 

 

 

QUELLEN: 

 

[1] «A Contribution to the Study of Shell Shock – Being an Account of Three Cases of Loss of Memory, Vision, Smell, and taste, Admitted into the Duchess of Westminster’s War Hospital, Le Touquet.”
Charles S. Myers
The Lancet, Published Feb 13 1915; 316 – 320

[2] «Report of the War Office Committee of Enquire into ‘Shell-Shock’”
Presented to Parliament by Command of Her Majesty in 1922.

Bildquelle:
www.wikipedia.ch 

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