Skip to the content

1950 - 1980: ROYAL FREE DISEASE UND MYALGISCHE ENZEPHALOMYELITIS

Dr. Melvin Ramsay - Autor des Bildnis und Zeitpunkt der Entstehung unbekannt


Der Name «myalgische Enzephalomyelitis» hat sich dauerhaft und traditionsreich v.A. in England bewahrt. Initial vom Mainstream belächelt und angewendet nur in gewissen Kreisen, setzte sich das Konzept mehr und mehr durch. Bis heute wird in England vermehrt über «ME» und nicht «CFS» gesprochen.

Die Pionierarbeit auf dem Gebiet der reinen Beobachtung und Datensynthese von Dr. Ramsay und ähnlich Gesinnten galt auch als Ausgangspunkt für die neuen Entdeckungswellen in den 1980ern sowie späteren Jahren - der für ihn bereits damals eindeutig körperliche Grundcharakter der Erkrankung wurde durch immer zahlreichere Forschergruppen und Kliniker zunehmend erkannt.     

 

ROYAL FREE DISEASE

Am 19 Oktober 1957 wurde im British Medical Journal ein weiterer, allarmierender Artikel publiziert – verfasst durch die Mitarbeiter der Royal Free Hospital Group in London beschrieb er eine bis dato in England noch nie in dem Ausmass gesehene Epidemie. [1] Vom 13 bis 25 Juli 1955 verfielen zuerst 70 Spital-Mitarbeiter einer unklaren, neurologisch erscheinenden Erschöpfung. Beim Verdacht auf infektiöse Ursache ergriff das Spital die Sofortmassnahmen und schliess ihre Türe für die Öffentlichkeit bis zum 5ten Oktober. Trotzdem, folgten zahlreichere weitere Fälle – insgesamt betraf die Epidemie 292 Mitarbeiter, von denen auch 255 stationär aufgenommen wurden. Auffällig war, dass lediglich nur wenige Übertragungen ausserhalb des Personals verzeichnet wurden (bei 12 während des Ausbruchs bereits stationären Patienten und einigen Angehörigen der betroffenen Mitarbeiter).

Klinisch imponierte ein untypisches, infektiöses Bild, das zum ausgeprägten, neurologischen Leiden wurde. Zuerst klagten die Betroffene über wiederkehrende Kopfschmerzen, Depression, emotionale Labilität und Rachenreizung. Innerhalb einer Woche kam es zu generalisierten Schmerzen mit geringer Ansprechbarkeit auf Medikation, Fieberschüben, vergrösserten Lymphknoten und allgemeinem Krankheitsgefühl (Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden etc.). Später folgte die Intensivierung dieser Symptome, als auch vermehrter Schlafdruck (Hypersomnie), Nackensteifigkeit, Gedächtnisprobleme und klassischere, neurologische Ausfälle (lokale und generalisierte Muskelschwächen, Zuckungen, Taubheiten, Abneigung gegenüber Licht/Geräuschen, erschwertes Wasserlassen). Die Betroffenen wurden kraftlos, und sogar geringste Bewegungsversuche führten zu invalidisierenden Schmerzen.

Diverse, durchgeführte Tests waren unergiebig (Blutanalysen, Mikrobiologie, EKGs, elektrische Aktivität der Muskel, Biopsien, Röntgenbilder) und die üblichen Therapiemassnahmen (Antibiotika, Schmerzmittel, Muskelrelaxantien) zeigten erstaunlich wenig Wirkung. Die Patienten waren derartig erschöpft, dass sie die meiste Zeit im Bett verweilten. Diese prolongierte Bettruhe sowie der sonst eingeübte, professionelle Umgang der Betroffenen (= Spitalpersonal) mit dem Leiden schienen auch am hilfreichsten zu sein. So schrieben die Autoren: «Die bösen Effekte der verfrühten Anstrengung, sogar nach verlängerter neurologischer Untersuchung, waren offensichtlich.» und «Eine selbstsichere Haltung (…) war von zunehmendem Vorteil. Dies überraschte auch nicht, da die Patientinen vor Allem Krankenschwestern waren und wussten, dass wir hier mit einer unbekannten Erkrankung zu tun haben». Die meisten initial Betroffenen erholten sich, brauchten dafür jedoch Monate, bei vielen blieben einige Symptome aber dauerhaft.   

Die Autoren verglichen die Vorkommnisse im Royal Free Hospital mit den anderen, ähnlichen Rapporten aus der ganzen Welt und stellten auch einige Hypothesen zu deren Genese. Sie bevorzugten eindeutig einen infektiösen Hergang. Trotzdem, angesichts der unspezifischen Lage der konventionellen Befundung, wurde auch bei weiteren, derartigen Epidemien zunehmend von «Massenhysterie» ausgegangen. So kam diese Schlussfolgerung deutlich und offiziell zum Vorschein in einer der späteren Re-Analysen durch die angesehenen Psychiater Collin P. McEvedy und A. W. Beard. [2]

 

DIE ROLLE VON DR. MELVIN RAMSAY:

GEBURTSSTUNDE VON "MYALGISCHER ENZEPHALOMYELITIS"

Gegen Unterstellung der Massenhysterie wehrte sich glücklicherweise bereits seit dem Anfang einer der damaligen Mitarbeitern des Royal Free Hospital – Dr. Melvin Ramsay. [3] Er widmete sich vermehrt dieser Problematik zu und trug einiges zur Ausbreitung zwei Bezeichnungen bei: des «postviralen Erschöpfungssyndroms» (PVFS) und der «(benignen) myalgischen Enzephalomyelitis». Den zweiten Terminus lieh Dr. Ramsay aus dem Artikel «A New Clinical Entity?» aus, welcher bereits am 26 Mai 1956 in «The Lancet» erschienen war. [4]  

Dr. Melvin Ramsay veröffentlichte einige Studien sowie ein Buch zur Royal Free Disease[5] und wird zu den Ersterfindern der klinisch-diagnostischen Kriterien für ME/CFS gezählt. Er unterschied 2 Hauptformen -  die endemische (= populationsgebunde, d.h. in bestimmten Regionen häufiger vorkommende) und epidemische (= populationsüberspringende, d.h. sich verbreitende). Er sprach auch vom biphasischen Verlauf, da man 2 Phasen der Erkrankung differenzieren konnte.

Die erste (akute) Phase dauerte einige Tage bis 3 Wochen (im Schnitt ca. 7 Tage) und folgte meistens nach einer Infektion der oberen Atemwege oder des Magen-Darm-Traktes. Alle Betroffene entwickeln aussergewöhnlich erhöhte Körpertemperatur, jedoch ohne eigentliches Fieber (= Subfebrilität) und werden heimgesucht durch eine Vielzahl an verschiedenen Symptomen: ausgeprägte Fatigue, Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Schmerzen / Zuckungen der Muskulatur, Veränderung des Berührungssinnes, vermehrtes Wasserlassen, verschwommenes Sehen, erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Licht und Geräusche, Ohrensausen und allgemeines Unwohlsein.   

In der zweiten Phase (Chronifizierung) lassen die früheren Beschwerden nicht nur nicht nach, sondern es kommt zusätzlich zu einer dauerhaften Beeinträchtigung der Muskulatur (Schwäche, Schmerzen, Verlust der Präzision/Koordination), des Herz-Kreislauf-Systems (Kälteüberempfindlichkeit, Durchblutungsstörungen) und des zentralen Nervensystems (Gedächtnisschwäche, verminderte Konzentration, wechselhafte Emotionalität, gestörter Schlaf). Öfters kam es zu Problemen mit Wasserlassen (verhindert oder vermehrt), Schweissausbrüchen und überschiessender Herzfrequenzzunahme bei Belastung.

Die Zusammenfassungen und Ausführungen von Dr. Ramsay beinhalteten auch eine Auswahl an zahlreichen, abnormalen Messwerten, welche man bei ME/CFS erheben konnte – dies traf auf Blutwerte, Biopsien und funktionelle Tests zu. Er distanzierte sich eindeutig von der Hypothese der psychogenen Hauptursache und zog zahlreiche Parallelen zu weiteren, körperlichen Erkrankungen (Ebstein-Barr-Virus, Poliomyleitis etc). Es ist auch ihm und den ähnlich Gesinnten zu verdanken, dass die «myalgische Enzephalomyelitis» es bis in das internationale Verzeichnis der krankhaften Zustände schaffte (Erstauftritt im ICD-8 unter dem Code 323, Jahr 1969 [6]).

 

 

 

 

QUELLEN:

 

[1] “An Outbreak of Encephalomyelitis in the Royal Free Hospital Group, London, in 1955”
The Medical Staff of the Royal Free Hospital
British Medical Journal, Published Oct 19 1957 

[2] “Royal Free Epidemic of 1955: A Reconsideration”
Colin P. McEvedy, A.W. Beard
The British Medical Journal, Published Jan 3 1970;  1: 7 – 11

[3] “Hysteria and ‘Royal Free Disease’”
M. Ramsay
BMJ, Published 1965; 2: 1062

[4] “A New Clinical Entity?”
Author unknown.
The Lancet, Published May 26 1956; Volume 267, No 6926, 789 – 790

[5] “Postviral Fatigue Syndrome: The saga of Royal Free disease”
M. Ramsay
Buttler & Tanner Ltd., Published 1986

[6]International Classification of Diseases. I”
World Health Organization. 1969.

Bildquelle:
www.me-pedia.org 

HAFTUNGSERKLÄRUNG

Der Verein ME/CFS Schweiz sieht sich primär als gemeinnützige Vereinigung von ME/CFS-Betroffenen und -Interessierten sowie fungiert als Informationsquelle zu der Erkrankung "myalgische Enzephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome" (ME/CFS, ICD-10: G93.3).

Der Verein übernimmt keine Haftung für das individuelle Einsetzen der von uns angebotenen Informationen und ersetzt keinesfalls die geschulten Spezialisten aus dem Gesundheits-, Rechts- oder Sozialwesen. Unsere Organisation bietet auch keine individuellen, medizinischen Beratungen oder Zuweisungen an.