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Nennenswerte Phänomene

Une leçon clinique à la Salpêtrière - von André Brouillet (1887).


Das Fin du Siecle brachte eine Vielzahl an Auswirkungen mit sich. Die neu entstehende Psychologie und die akademische Medizin trennten sich weitgehend voneinander. Ungeklärte Kraftlosigkeiten mit zahlreichen Nebensymptomen und ohne wegweisende, körperliche Befunde rutschten auch zunehmend in die Domäne der Psychosomatik. Sie wurden fortan auch ungünstig und abwertend behandelt – Frauen haben dabei mit der «Hysterie», wie öfters zuvor, die schlechteren Karten gezogen als Männer mit der «Neurasthenie». Der Konflikt zwischen der eher weiblich-assoziierten Ruhe-Kur und der eher männlich-assoziierten Rekreations-Kur lenkte dabei über Jahrzehnte von weiteren Entwicklungen ab. Die Advokaten für ME/CFS und ähnliche Zustände kämpfen im übertragenen Sinne bis heute mit den Auswirkungen der damaligen Durchbrüche.   


LANGSAME FOKUSVERÄNDERUNG VOM KÖRPER AUF DIE SEELE

Bis zum Fin du Siecle charakterisierte man Neurasthenie/Hysterie und die verwandten Zustände doch vorwiegend als körperliche Leiden. Die Ideen von Sydenham, Maninngham, Van Deusen, Beard und Charcot wurden aber zunehmend entweder vereinfacht verstanden oder angepasst. Obwohl sich Dr. Charcot explizit mit «Hysterie» beschäftigte, wird er heute noch im Zusammenhang mit «Neurasthenie» erwähnt…  Im Nachschlagwerk über «Neurasthenie» von Dr. A. Mathieu aus dem Jahr 1894 lesen wir bereits: «Was ist ‘Neurasthenie’? Es ist ein Zustand der Schwäche, der gereizten Schwäche, wohl gemerkt, - das unabhängige Nervensystem leidet unter Unterversorgung mit Nährstoffen, an einer Autointoxikation, die Natur von welcher wir jetzt aufzeigen können. Die reizbare Schwäche spiegelt sich in der klinischen Beobachtung von einer Reihe an Symptomen, welche Herr Charcot als Stigma der Neurasthenie ansieht: Kopfschmerzen. Schlaflosigkeit, Hirndruck, neuromuskuläre Asthenie (Schwäche), Rachenschmerzen und Dyspepsie. Diese Symptome sind mit keinem anderen neuropathischen Komplex zu verwechseln. Neurasthenie ist meistens die Folge einer Überarbeitung, in welcher die intellektuelle Leistung, Trauer, Sorgen und das starke Gefühl der Verantwortung die Hauptrollen spielen. Es entwickelt sich leichter und wird schwergradiger als erbliche, neuropathische Defekte. Zuhause kommt es oft zu Verwahrlosung und Degeneration[1] Der fettgedruckte Anteil dieses Zitates ist nur eins der vielen Beispielen, wie Charcots Entdeckungen aus dem Konzept seiner Arbeiten notorisch und nicht immer wahrheitsgetreu herausgerissen wurden. Ähnliche Phänomene fanden im Bezug zu anderen Denkeinhalte auf dem Laufenden statt.

 

DIE HYSTERIE WIRD WEIBLICH

Auf funktioneller Beschreibungsebene kam es zu zunehmender Fusion der Hysterie und der Neurasthenie, und die beiden Begriffe rutschten auch zunehmend in die psychosomatische Ecke, was grösstenteils den Arbeiten von Babinski, Freud und Co. mit späteren Beiträgen durch weitere Persönlichkeiten zu verdanken war.  Gleichzeitig, liess sich eine weitere Tendenz erkennen. «Hysterie» wurde zunehmend zum Begriff der Wahl für Frauen, während «Neurasthenie» eher den Männern vorenthalten wurde. [2] Daraus leitete sich auch unterschiedliche Handhabung dieser Zustände ab. Den Frauen wurde oft eine delikatere Nervenstruktur unterstellt und eine Überforderung durch Reizüberflutung, sogar in sehr monotönen Umständen. Den Frauen verschrieb man somit vorwiegend Bettruhe, die sogenannte «Rest Cure». Obwohl Bettruhe bereits länger ihre Anwendung fand, gilt Silas Weir Mitchel als der Erfinder dieser Methode – als erster entwickelte er nämlich klare Regel, die man dabei erfolgen sollte. Typischerweise dauerte diese Therapie 6 bis 8 Wochen und beinhaltete gänzliche Isolation von Freunden und Familie, Liegen im Bett, fettige und milchfreie Ernährung (auch erzwungen) und Verzicht auf viele weitere Aktivitäten (wie Sprechen, Lesen, Schreiben). Es war ein pflegerischer Einsatz notwendig – mit passiven Umdrehungen der Patienten, Elektrotherapie und Muskelmassagen zwecks Erhaltung der Muskelmasse. [3]  

 

DIE NEURASTHENIE WIRD MÄNNLICH

Auf der Gegenseite, interpretierte man die «Neurasthenie» der Männer öfters als Überforderung durch inadäquate oder überanstrengende Aktivitäten oder als unzureichende Abdeckung der eigenen Bedürfnisse. So schlug man den Männern eher Aktivitätssteigerung oder -Veränderung vor. R.C. Cabot gilt hier als Erfinder der «Work Cure» - er verschrieb seinen Patienten neue Beteiligungen wie Besuchen von zusätzlichen Kursen, Büroarbeit, Töpferei oder Zimmerei. Insgesamt, predigte er diejenigen Fertigkeiten zu erlernen, welche «vom gesunden Folk» durchgeführt werden. [4] Ein weiterer, in den USA populärer Einsatz wurde als «Go West» zusammengefasst - abgeleitet von zahlreichen Freizeitangeboten in der Natur des Wilden Westens. Die Männer wurden massenweise als «city slickers» in die Landschaft geschickt. Diese Aktivitätskuren wurden beliebt, trugen zur späteren Archetypisierung des amerikanischen, wilden Westens bei, sowie dienten als Vorläufer diverser Outdoor-Programme bei Burnout, Depressionen oder bei Rehabilitationen. [5]

 

BELIEBTE KUREN

Zu weiteren, häufigen, medizinischen Massnahmen in dieser Zeit sowohl bei Hysterie, als auch bei Neurasthenie gehörten: Mesmerismus/Hypnose, Veränderung der sexuellen Aktivität (von Enthaltsamkeit bis hin zu geregelter Masturbation und Polyamorie), Diäten und «Nerventonika». Besonders beliebt waren diverse Formen der mechanischen und der elektrischen Stimulation [6]. Diverse Formen der Psychotherapie feierten auch ihren langsamen Einzug.         

 

 

 

QUELLEN: 

 

[1] “La Neurasthénie: Épuisement nerveux, 2’ Edition”
Dr. A. Mathieu Rueff
F/r C’’Editeurs 106 Boulevard Saint-Germain, Paris. Published 1894.

[2] «Hysteria was for women, neurasthenia for men”
Rosemary Dinnage
The New York Times, Published September 9 1984

[3] «Shattered Nerves: Doctors, Patients and Depression in Victorian England”
I. Oppenheim
Oxford University Press, Published in 1991

[4] «Work Cure”
R.C. Cabot
Psychotherapiy, Published 1909; 3 (19): 24- 29

[5] “Go West or Rest! Die Behandlung chronischer Erschöpfungssyndrome im Wandel der Zeiten»
Jens Gaab
Verhaltenstherapie, Published online 08.05.2014; 23: 108 -113

[6] «Neurasthenie: Science and Society in the American Victorian Era. Excerpt from an independent research project completed at Mount Holoyoke College during the academic year 2010-2011.”
Alexandra L. Fleagle, University of Edinburgh
LIMINA – A Journal of historical and cultural studies Volume 18, Published 2012

Bildquelle:
www.wikipedia.ch 

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